Depression trotz Erfolg: Wenn Unternehmer, Spitzensportler und Prominente psychisch an ihre Grenzen kommen
Was Wolfgang Grupp, Oliver Kahn, Carsten Maschmeyer, Robbie Williams und Magdalena Neuner über Leistungsdruck, Selbstwert und Identität zeigen – und was ihre Portraits für die psychotherapeutische Arbeit mit erfolgreichen Menschen bedeuten können.
Erfolg ist etwas Schönes.
Etwas aufzubauen, Verantwortung zu übernehmen, besondere Fähigkeiten zu entwickeln und Ziele zu erreichen, kann Menschen enorm erfüllen.
Und trotzdem schützt Erfolg nicht vor Depression.
Das zeigen Menschen, deren Leben von außen außergewöhnlich erfolgreich erscheint: Unternehmer, Führungskräfte, Spitzensportler, Künstler oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens.
In meiner Praxis begleite ich immer wieder Menschen aus vergleichbaren Lebenswelten – Unternehmer und Führungskräfte ebenso wie Menschen aus Medien, Literatur und Spitzensport. Viele von ihnen sind es gewohnt, Verantwortung zu tragen, Probleme zu lösen und auch unter erheblichem Druck handlungsfähig zu bleiben.
Gerade deshalb interessiert mich bei einer Depression der ganze Mensch.
Was hat ihn über Jahre angetrieben?
Woher bezieht er seinen Selbstwert?
Welche Bedeutung haben Erfolg, Verantwortung und Anerkennung?
Und was geschieht, wenn ein Lebensmodell, das lange hervorragend funktioniert hat, plötzlich nicht mehr trägt?
Die Portraits von Wolfgang Grupp, Oliver Kahn, Carsten Maschmeyer, Robbie Williams und Magdalena Neuner zeigen darauf sehr unterschiedliche Antworten.
Wolfgang Grupp – wenn das Lebenswerk eine neue Rolle bekommt
Mehr als fünf Jahrzehnte führte Wolfgang Grupp Trigema. Unternehmen und Unternehmer waren öffentlich kaum voneinander zu trennen.
Nach der Übergabe an seine Kinder beschrieb Grupp später eine große Leere und das Gefühl, plötzlich nicht mehr gebraucht zu werden. Er sprach offen über seine Depression und seinen Suizidversuch. 2026 berichtete er erneut sehr persönlich darüber, welche Bedeutung Familie, Unternehmen und das Gefühl, gebraucht zu werden, für ihn haben.
Mein therapeutischer Blick darauf – Neue Bedeutung und Identität nach dem Lebenswerk entwickeln
Eine solche Geschichte berührt ein Thema, das bei Unternehmern besonders tief gehen kann:
Ein Unternehmen kann weit mehr sein als ein Beruf.
Es kann Identität geben, Struktur, soziale Einbindung, Verantwortung und das tägliche Gefühl, gebraucht zu werden.
Verändert sich diese Rolle nach Jahrzehnten, entsteht deshalb eine bedeutende Lebensaufgabe:
Wer bin ich in dieser neuen Phase meines Lebens – und wofür möchte ich künftig wichtig sein?
Bei vergleichbaren Situationen würde ich in meiner Privatpraxis sehr genau betrachten, welche Bedürfnisse die bisherige Rolle für den Klienten erfüllt hat und wie diese Bedürfnisse künftig auf eine neue, stimmige Weise Raum bekommen können.
Hier können die Akzeptanz- und Commitment-Therapie, systemische Arbeit, Schematherapie und die Arbeit mit inneren Anteilen wertvolle Perspektiven eröffnen.
Es geht um Werte, Beziehungen, neue Aufgaben und darum, das bisherige Lebenswerk als wichtigen Teil der eigenen Identität zu bewahren und zugleich etwas Neues entstehen zu lassen.
Das berührt auch meinen Schwerpunkt Succession-Syndrom. Unternehmensnachfolge stellt sowohl die nachfolgende als auch die übergebende Generation vor Fragen von Identität, Verantwortung und Selbstbestimmung.
Was gebe ich weiter?
Und ebenso:
Was möchte ich jetzt für mich selbst entwickeln?
Oliver Kahn – Stärke neu definieren
Kaum jemand verkörperte im deutschen Sport Leistungswillen so sichtbar wie Oliver Kahn.
Welttorhüter, Kapitän, FC Bayern, Nationalmannschaft – und über Jahre enormer öffentlicher Druck.
Kahn hat später offen über seine Depression gesprochen. Besonders das WM-Finale 2002 wurde zu einem einschneidenden Erlebnis. Seit Ende der 1990er-Jahre nahm er professionelle Unterstützung bei dem Psychiater und Depressionsforscher in Anspruch. Kahn beschreibt, wie er dadurch lernte, Druck anders einzuordnen und seine Perspektive zu verändern.
Ein Satz von Kahn gefällt mir dabei besonders:
„Sich in solchen Momenten Hilfe zu holen ist eher ein Zeichen von Stärke als von Schwäche.“
Mein therapeutischer Ansatz – Leistungsstärke um innere Flexibilität erweitern
Sehr erfolgreiche Menschen verfügen häufig über außergewöhnliche Ressourcen:
Disziplin, Ehrgeiz, Durchhaltevermögen, Verantwortungsgefühl und hohe persönliche Standards.
Diese Eigenschaften möchte ich erhalten und gleichzeitig um etwas erweitern:
Flexibilität.
Aus dem Wunsch „Ich möchte sehr gut sein“ kann unter hohem Druck irgendwann die innere Forderung „Ich muss perfekt sein“ werden.
Aus Verantwortungsbewusstsein kann „Ich darf niemanden enttäuschen“ entstehen.
Und aus großer Selbstständigkeit das Gefühl:
„Ich muss alles alleine schaffen.“
Kognitive Verhaltenstherapie kann solche Gedanken und Bewertungen sehr konkret sichtbar machen. Die Schematherapie ermöglicht zusätzlich den Blick auf tiefer liegende Antreiber, hohe Standards, Versagensängste und Selbstwertmuster.
Das therapeutische Ziel sehe ich darin, Stärke breiter zu definieren.
Stärke heißt dann, viel leisten zu können – und ebenso gut wahrnehmen zu können, wann Unterstützung, Regeneration oder eine andere Perspektive hilfreich sind.
Carsten Maschmeyer – wenn Leistung und Selbstwert zu eng zusammenrücken
Carsten Maschmeyer hat seine persönliche Krise ungewöhnlich offen beschrieben.
Extreme berufliche Belastung, Schlafprobleme und Burnout führten bei ihm in einen Kreislauf aus Medikamenteneinnahme, Abhängigkeit und Depression. Ein stationärer Entzug wurde schließlich zu einem Wendepunkt. Maschmeyer bezeichnete diese Zeit später selbst als den Tiefpunkt seines Lebens.
Mein therapeutische Herangehensweise – Selbstwert auf mehrere tragfähige Säulen stellen
Bei Menschen mit außergewöhnlicher Leistungsorientierung interessiert mich eine Frage ganz besonders:
Wie eng sind Leistung und Selbstwert miteinander verbunden?
Leistung kann Freude machen, motivieren, Sinn vermitteln und Selbstwirksamkeit schaffen.
Belastend wird es, wenn der eigene Wert zunehmend davon abhängt.
Dann kann sich innerlich ein Satz entwickeln wie:
„Ich bin besonders viel wert, wenn ich besonders viel leiste.“
Und irgendwann stellt sich die andere Frage:
„Was bin ich wert, wenn ich gerade nicht leisten kann?“
Mit Motivation beschäftige ich mich seit vielen Jahren – zunächst in Management und Strategieberatung, wissenschaftlich im Rahmen meiner Promotion und heute in Psychotherapie und Executive Coaching.
Äußere Anreize wie Geld, Status, Karriere und Anerkennung können wichtige Motivatoren sein.
Psychische Stabilität gewinnt zusätzliche Fundamente durch persönliche Werte, Verbundenheit, tragfähige Beziehungen, Selbstwirksamkeit, Erholung und einen Selbstwert, der auch in ruhigeren Phasen trägt.
Bei vergleichbaren Konstellationen würde ich deshalb gemeinsam mit dem Patienten herausarbeiten:
Was treibt mich wirklich an?
Welche Bedürfnisse erfüllt meine Leistung?
Was gibt meinem Leben zusätzlich Bedeutung?
Und:
Wie kann ich ambitioniert bleiben und gleichzeitig gut mit mir umgehen?
Robbie Williams – wenn äußerer Applaus und innerer Selbstwert zwei verschiedene Dinge sind
Robbie Williams gehört zu den erfolgreichsten europäischen Popstars seiner Generation.
Millionen verkaufte Tonträger, ausverkaufte Stadien und weltweite Anerkennung.
Gleichzeitig spricht er seit vielen Jahren offen über Depressionen, Suchtprobleme und ADHS. Eine aktuelle ZDFinfo-Dokumentation vom September 2026 stellt gerade diesen Kontrast erneut in den Mittelpunkt: den gefeierten Entertainer und den Menschen hinter der öffentlichen Rolle.
Meine therapeutische Sichtweise – Inneren Selbstwert unabhängig von äußerer Anerkennung stärken
Robbie Williams macht einen psychologisch wichtigen Unterschied besonders sichtbar:
Äußere Anerkennung und innerer Selbstwert sind nicht dasselbe.
Ein Mensch kann von Tausenden oder Millionen Menschen bewundert werden und gleichzeitig starke Selbstzweifel erleben.
Gerade bei Menschen mit hoher öffentlicher Sichtbarkeit finde ich deshalb die verschiedenen Rollen interessant.
Der Unternehmer.
Der Moderator.
Der Autor.
Der Spitzensportler.
Der Künstler.
Und dahinter der private Mensch.
In meiner therapeutischen Arbeit kann es sehr wertvoll sein, diese Seiten eines Menschen miteinander in Kontakt zu bringen.
Die Arbeit mit inneren Anteilen eignet sich dafür besonders gut.
Vielleicht gibt es einen hochprofessionellen Anteil, der zuverlässig funktioniert.
Einen Perfektionisten, der immer noch besser werden möchte.
Einen verletzlichen Anteil, der Sicherheit und Anerkennung sucht.
Und einen privaten Menschen, der sich nach Nähe, Ruhe oder Normalität sehnt.
Psychische Stabilität wächst häufig dort, wo diese unterschiedlichen Seiten eines Menschen wieder miteinander verbunden werden.
Magdalena Neuner – wenn nach dem Gipfel ein neues Leben beginnt
Magdalena Neuner hatte mit Mitte zwanzig bereits nahezu alles erreicht, was im Biathlon möglich war.
Olympiasiege, zwölf Weltmeistertitel, Gesamtweltcupsiege und enorme öffentliche Anerkennung.
2026 sprach sie in einem ARD-Podcast sehr offen über die Schattenseiten ihrer Karriere: massiven Erwartungsdruck, eine Angststörung infolge einer Stalking-Erfahrung und eine Krise, die sie selbst als „Post-Olympia-Depression“ bezeichnet. Besonders interessant finde ich, wie sie heute über Selbstbestimmung, Selbstwirksamkeit und ihre Identität jenseits des Spitzensports spricht.
Einen psychologischen Prozess anstoßen – Neue Werte, Ziele und Identität nach der Höchstleistung entwickeln
Ihre Geschichte führt zu einer Frage, die bei Spitzensportlern, Unternehmern und anderen außergewöhnlich leistungsorientierten Menschen überraschend ähnlich sein kann:
Was kommt nach dem großen Ziel?
Viele Menschen leben jahrelang auf einen bestimmten Gipfel hin.
Die Goldmedaille.
Die Unternehmensübergabe.
Der Verkauf der Firma.
Der nächste Karriereschritt.
Das Buch oder der neue Bestseller.
Die große Sendung.
Solange dieses Ziel vor einem liegt, gibt es Richtung.
Ist es erreicht, darf eine neue Antwort entstehen auf die Frage:
Wofür stehe ich jetzt morgens auf?
Hier bietet die Akzeptanz- und Commitment-Therapie mit ihrem Fokus auf persönliche Werte besonders interessante Möglichkeiten.
Es geht dann weniger um das nächste messbare Ziel und stärker um Fragen wie:
Wie möchte ich leben?
Welche Beziehungen sind mir wichtig?
Welche Seiten meiner Persönlichkeit sollen mehr Raum bekommen?
Was möchte ich gestalten, auch wenn niemand dafür applaudiert?
Und schließlich:
Wer bin ich, wenn ich nicht mehr beweisen muss, wer ich bin?
Diese fünf Portraits zeigen was erfolgreiche Menschen psychisch stärkt
Die fünf Portraits sind sehr verschieden. Genau das macht sie so interessant.
Denn auch erfolgreiche Menschen bringen ihre individuelle Persönlichkeit, Biografie, Beziehungen, Lebenssituation, Ressourcen und Verletzlichkeiten mit.
In meiner therapeutischen Arbeit beginnt deshalb vieles mit einer scheinbar einfachen Frage:
Wer sitzt mir gegenüber?
Was hat diesen Menschen geprägt?
Was hat ihn stark gemacht?
Welche Beziehungen tragen ihn?
Welche inneren Überzeugungen bestimmen sein Handeln?
Was gibt seinem Leben Sinn?
Und welche Ressourcen besitzt er vielleicht längst, kann sie im Moment aber nur schwer nutzen?
Daraus entsteht mein integrativer Therapieansatz.
Je nach Persönlichkeit und Situation verbinde ich Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie, der Akzeptanz- und Commitment-Therapie, der Schematherapie, systemischer Verfahren, tiefenpsychologisch orientierter Ansätze, der Gesprächstherapie und der Arbeit mit inneren Anteilen.
Für mich sollte sich die Therapie dem Menschen anpassen. Und nicht umgekehrt.
Genau das verstehe ich unter einem therapeutischen Maßanzug.
Erfolg und psychische Gesundheit dürfen zusammengehören
Ich erlebe viele Menschen, die Freude daran haben, Verantwortung zu übernehmen, ambitionierte Ziele zu verfolgen und viel zu bewegen.
Diese Freude ist eine große Ressource.
Psychotherapie kann helfen, diese Stärke um weitere Möglichkeiten zu ergänzen:
Ehrgeiz, der Freude macht.
Verantwortung, bei der man sich selbst im Blick behält.
Erfolg, den man auch genießen kann.
Selbstwert, der auf mehreren Säulen steht.
Und die Fähigkeit, nach einer Veränderung einen neuen Weg zu entwickeln.
Die fünf Geschichten zeigen für mich deshalb vor allem eines:
Psychische Erkrankung und Stärke schließen sich nicht aus.
Ein Unternehmer darf Unterstützung brauchen.
Ein Weltmeister darf zweifeln.
Ein gefeierter Künstler darf verletzlich sein.
Und ein Mensch darf sich nach Jahrzehnten des Erfolgs noch einmal neu kennenlernen.
In meiner Praxis begegne ich Menschen, die nach außen vieles erreicht haben und sich innerlich neu orientieren möchten.
Dann entsteht häufig eine der wertvollsten Fragen einer Therapie:
Was brauche ich heute wirklich – für mich selbst?
Manchmal beginnt genau dort eine neue Entwicklung.
Über den Autor
Dr. Thomas Graf, PhD · Diplom Kaufmann (LMU) · Heilpraktiker für Psychotherapie
Dr. Thomas Graf begleitet in seiner Privatpraxis in Starnberg Menschen bei psychischen Erkrankungen und persönlichen Krisen sowie Unternehmer, Führungskräfte und Persönlichkeiten aus exponierten Lebens- und Arbeitswelten.
Sein integrativer Ansatz verbindet verschiedene psychotherapeutische Verfahren mit einem ganzheitlichen Blick auf Persönlichkeit, Beziehungen, berufliche Situation und Lebensgeschichte. Durch seine langjährige Erfahrung in Management und Strategieberatung kennt er zugleich die besonderen Anforderungen von Menschen mit hoher Verantwortung.
Im Rahmen seiner Promotion beschäftigte er sich wissenschaftlich intensiv mit Mitarbeitermotivation sowie dem Zusammenspiel materieller und immaterieller Motivationsfaktoren.
Quellen und weiterführende Literatur
Wolfgang Grupp: SWR1, 08.05.2026, So hat Kult-Unternehmer Wolfgang Grupp seine persönliche Krise überwunden; SWR Aktuell, 26.03.2026, Ex-Trigema-Chef Wolfgang Grupp äußert sich zu Suizidversuch.
Oliver Kahn: Der Tagesspiegel, 12.12.2022, „Ich habe immer ein Symptom gespürt“: Oliver Kahn spricht über seine Depression; Süddeutsche Zeitung, 03.04.2010, „Irgendwann war das Rad überdreht“.
Carsten Maschmeyer: Handelsblatt, 07.09.2021, Carsten Maschmeyer: „Tablettensucht war Tiefpunkt meines Lebens“; Handelsblatt, 10.09.2021, Carsten Maschmeyer und sein Arzt über den Tiefpunkt seiner Karriere.
Robbie Williams: ZDFinfo, 14.09.2026, The True Story of – Robbie Williams.
Magdalena Neuner: ARD Sounds, 25.05.2026, Wie geht’s, Magdalena Neuner?; ARD Sounds, 01.06.2026, Kopfsache mit Magdalena Neuner.